Gottesdienst ohne geistliche Lieder – geht das überhaupt?

Liebe Gemeinde!

Auch bei uns in Rheindahlen ist es ab dem 24. Mai wieder möglich Gottesdienst zu feiern, allerdings unter allerlei Auflagen, z.B. darf bei uns momentan nicht gesungen werden!

Aber dafür wird uns unsere Organistin Juliane Kamphausen mit wunderbaren Musikstücken erfreuen. 

Unser Gesangbuch ist prall gefüllt mit wunderschönen Liedern.

In diesen Tagen fand ich einen interessanten Artikel eines lieben Kollegen aus der Nachbargemeinde, den ich Ihnen nicht vorenthalten wollte. Lesen Sie mal, was Pfr. Albrecht Fischer aus Rheydt so schreibt:

„Eine engagierte Debatte ist entbrannt, für den Fall, dass wir wieder Gottesdienste feiern können. Mit Singen oder ohne?

Darf man der Gemeinde zumuten, auf den Gesang zu verzichten oder stattdessen zu summen? 

ln die Debatte, wie weit die Ansteckungsgefahr geht, wenn Menschen singen, mag ich mich nicht einmischen. Aber einen theologischen Gedanken möchte ich gerne einbringen. ln den Gemeinden der ersten Christen hatte man außerhalb des jüdischen Volkes zunächst kein gemeinsames Liedgut. Aber man hat trotzdem gemeinsam gesungen. Ohne Text, scheinbar sinniosen Silbengesang.

So wie kleine Kinder vor sich hinsingen, auf nana oder lala oder diadia oder in einer Fantasiesprache. Diese Form des Miteinanders war sehr intensiv und auch beliebt, der Gesang wurde gedeutet als ein Lob Gottes in ,,himmlischen Sprachen“, Luther übersetzte: „in Zungen“. 

Gott, so der Grundgedanke, versteht das Lob, die Klage, den Dank, auch wenn er sich einfach nur in Klang äußert. Für uns gebildete und stets vernunftvoll-kontrollierte Bildungsbürger ist solch eine Form des Gesangs, spontan und ohne tiefschürfende Gedanken, nur noch schwer zugänglich.

Schöner ist das Lob Gottes im Gesang dadurch allerdings selten geworden, und intensiver auch nicht. Wenn uns nun mitgeteilt wird, dass Voraussetzung für einen gemeinsamen Gottesdienst die Rücksichtnahme auf die Gesundheitsrisiken für andere ist und damit der Vezicht auf das Singen (so jedenfalls EKD und Präses Rekowski auf der Homepage der EKIR am 4. Mai 2020), so ist uns doch nicht verwehrt, die Melodien mizusummen.

Vielleicht wird uns dabei in besonderer Weise bewusst, wie schön die Melodien aus dem Gesangbuch sind, und vielleicht auch, wie kunstvoll die Begleitung ist, die unsere Kantoren unserem Gesang mit oder ohne Worte unterlegen.

Vielleicht können wir auch einmal viel bewusster wahmehmen, wie beim Summen der ganze Körper ins Schwingen kommt.

Auf jeden Fall aber können wir daran denken, dass es für das Lob Gottes wirklich nicht erforderlich ist, den Klang unserer Stimme mit gereimten und theologisch tiefen Gedanken anzureichern, ja, dass etwas weniger lntellekt und etwas mehr Körperbewusstsein das Singen für Gott wahrscheinlich zu einer deutlich intensiveren Erfahrung werden lassen.

Später freut man sich dann umso mehr darüber, wenn man außer dem Klang der eigenen Stimme auch noch etwas von der Glaubenskraft eines Paul Gerhardt oder Martin Luther dazu bekommt……“ 

Und ich freue mich auf Sie und Euch in der Kirche mit Musik und ohne Gesang. Und wenn jemand nicht in die Kirche kommen möchte, sondern lieber die Predigt zugeschickt haben mag, dann darf er oder sie es uns gerne mitteilen.  

Bis dahin Ihre Pfarrerin C. Fiebig-Mertin