Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen! Spr 31,8

Liebe Gemeinde,

Es ist still im Saal. Niemand sagt ein Wort, sie denken sich ihren Teil. Der Chef ist laut geworden. Mal wieder hat er einen Mitarbeiter vor versammelter Mannschaft angebrüllt, dieses Mal Herrn Maier. „Man braucht halt ein dickes Fell”, sagen die einen. „Das muss zum anderen Ohr wieder rausgehen”, sagen die anderen. Ein paar Kollegen wagen es hin und wieder dem Chef Paroli zu geben. Doch bei Herrn Maier ist es anders. Er kann das nicht. Dieses Selbstbewusstsein und Stärke, für sich selbst einzutreten, besitzt er nicht. Zu unsicher ist er in dem, was er tut. So sitzt er stumm auf seinem Stuhl, den Blick gesenkt und versucht verzweifelt, sich zu beruhigen. Die Sitzung geht weiter. Von dem Angebrüllten hört man nichts mehr. Es fragt auch keiner. Er sitzt stumm in der Runde und guckt nur hin und wieder verstohlen zu den Kollegen. Aber keiner scheint ihn zu sehen. Kein freundlicher Blick. Kein aufmunterndes Lächeln. Würden sie herschauen, dann würden sie sehen, wie tief der Chef ihn getroffen hat. 

Eine Kollegin schaut zwar hin, aber auch sie denkt: „Auch mir fehlen die Worte, um Herrn Maier zu helfen.“

Kennen Sie solche oder ähnliche Situationen? Hilflos das Unglück anderer mitansehen müssen ist schwer. 

Es gibt einerseits eine angemessene Sprachlosigkeit, ein solidarisches Schweigen, das das Floskelhafte fürchtet und offen zugibt, für das Unfassbare keine Worte zu haben. 

Aber es gibt aber andererseits das andere Stummsein, das unsolidarische (Ver)Schweigen, wenn man aus Angst, selbst zum Opfer zu werden wegschaut. Oder wenn man eben aus sicherer Distanz genau hinschaut, aber nichts sagt, nicht eingreift und so tut, als sei man gar nicht beteiligt.

Für die Hilflosen und Schwachen einzustehen war im Alten Israel wie im gesamten Alten Orient ein verbreiteter Appell. Götter (Psalm 82), Könige (Psalm 72,1-4) und einfache Bürger (5. Mose 15,11; Hiob 29,12-17) wurden dazu immer wieder ermahnt. 

Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen!

Das ist ein Wort, das einst der junge Regent Lemuel von seiner Mutter als guten Rat für seinen Lebensweg mitbekam. Die Mutter will ihm damit sagen:  Der König soll seinen Mund nicht nur für sich oder seine Interessen und Absichten öffnen, sondern er soll zur Stimme des Wortes Gottes werden und den Willen Gottes in der Welt umsetzen. 

Das Leid Anderer darf nicht schweigend hingenommen werden. Im Sprichwörterbuch ist in diesem Kapitel der König als gerechter Herrscher angesprochen. Er soll das Wort für den Stummen ergreifen, der im realen und im übertragenen Sinn keine eigene Stimme hat. Im damaligen Rechtssystem gab es keine Anwälte, die das Wort für einen geführt haben, sondern der Schwache war angewiesen auf den Schutz einer höherstehenden Person oder des Königs, der für den Schwachen das schützende Wort führen soll.

Aber in der Realität wurden die Armen jedoch allzu oft sich selbst überlassen. Gründe für das Schweigen fanden sich schnell. Nicht nur damals, immer wieder in der Geschichte und Gegenwart gibt es zahllose Beispiele dafür, wie das Unrecht unter den Teppich gekehrt wird. Wie lässt sich die Barriere des Schweigens durchbrechen? Ein wichtiger Aspekt dabei ist sicher Empathie, die Fähigkeit sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen. 

Die Sicht der Gedemütigten einzunehmen, sich für die Hilf- und Sprachlosen einzusetzen: das ist der Rat, den die weise Mutter ihrem Sohn, dem König Lemuel von Massa, gab. Es ist nicht gut, dass der Mensch im Kummer allein sei oder in der Sorge oder in der Not. 

Die Liebe Gottes zu den Menschen drückt sich auch in unserem Miteinander aus. Darum wünsche ich uns, dass Gott uns seinen aufmerksamen und mitfühlenden Geist schenken möge, wenn ein Sprachloser unsere Stimme braucht. Und ich wünsche uns einen solchen mitfühlenden Geist, wenn uns selbst die Stimme versagt.

Möge Gott uns diesen Heiligen Geist an Pfingsten schenken.

In diesem Sinne Ihre Pfarrerin