Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel. (Haggai 1,6)

Liebe Gemeinde,

In meiner Jugendzeit habe ich u.a. das Lied „Friedensnetz“ gerne gesungen. Der Text lautet:

1.    Jeder knüpft am eignen Netz – versucht rauszuholen was zu holen ist. 

Refrain: Wer denkt da an Frieden, wer denkt an Shalom? Wer denkt da an Frieden, wer denkt an Shalom? Wir knüpfen aufeinander zu, wir knüpfen aneinander an, wir knüpfen miteinander, Shalom. ein Friedensnetz.

2.    Jeder fängt ins eigne Netz – versucht einzufangen was zu fangen ist.  

Refrain: Wer denkt da an Frieden, wer denkt an Shalom?……..

„Jeder knüpft am eignen Netz!“ das habe ich damals nicht nur gesungen, sondern es auch erlebt. Das Beste für sich selbst herausholen war das Motto: “Mein Haus, mein Auto, mein….“ 

Und ich erlebe es heute immer noch. Wir versuchen immer noch mit den besten Plänen aus allem das Bestmöglichste herauszuholen und wenn  es geht, bitte erst einmal für mich und die Meinen, der Nachbar oder auch der Rest der Welt kann warten. 

Obwohl ich muss mich korrigieren, ich schrieb diesen Artikekl am 16. Juli und wir erleben gerade das Hochwasser, das viele Häuser, Firmen, Menschenleben und Existenzen zerstört hat.

In all dem Unglück ist es gut zu hören, wie ein Nachbar dem anderen hilft. Menschen einander Obdach, Essen, Kleidung geben.

In der großen Not werden wir zu einer Gemeinschaft, in der es nicht mehr nur um das „Ich, ich, ich“ geht. 

Aber leider ist das nicht immer so. Oft zerrint uns die die Zeit zwischen den Fingern und wir merken, dass wir von dem, was wir für uns schaffen wollten, nichts bzw. kaum vollendet haben. Was bleibt von uns, von mir? Wie oft verwenden wir Zeit und Mühe auf scheinbar sorgfältig ausgedachte Pläne; aber sie erweisen sich als unfruchtbar, nutzlos und überholt.

All dies lässt sich vergleichen mit dem Arbeiter, der seinen Lohn in einen löchrigen Beutel legt, und keinen Ertrag seiner Mühe aufweisen kann. 

Er arbeitet, aber er und die Seinen werden nicht satt, haben immer noch Durst, es wird ihnen nicht warm… und das Geld zerfließt ihnen zwischen den Fingern. Alle Mühe, die Arbeit von vielen Jahren – umsonst.

Alle Mühe und Arbeit umsonst, das erlebte auch das jüdische Volk, das aus seiner babylonischen Gefangenschaft nach Hause – u.a. auch nach Jerusalem – zurückgekehrt ist. 

In diesen, nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft an sein Volk gerichteten Worten hält Gott ihm vor, dass es den Wiederaufbau seines Hauses vernachlässige, und bezeichnet dies als die Ursache, weshalb seine Ernte ausbleibt, und seine Anstrengung vergeblich ist. 

Es war, als ob der sauer erworbene Lohn der Arbeit in einen löchrigen Beutel gelegt würde, wo aller Wert verloren geht. 

Kein Erfolg! Gott ruft den Rückkehrern und den Zurückgebliebenen zu, die Arbeit am Tempel wieder aufzunehmen.

Vermutlich gab es eine Koalition, die an der Wiedererrichtung des Tempels interessiert war im Spätsommer 520 v. Chr.: 

Zum einen die Priesterschaft, die durch den Tempelbau wieder Arbeit bekommen konnte; zum anderen die Realpolitiker, die das Wohlwollen des persischen Statthalters Serubbabel für ihre Restaurationsbestrebungen nutzen wollten. Es gab aber auch gewichtige Gründe, die gegen eine Wiedererrichtung sprachen.

Die wirtschaftliche Lage in Juda war infolge einer längeren Dürreperiode katastrophal. Auch die Wiedereingliederung der Rückwanderer machte Probleme; Eigentumsansprüche der Rückkehrer mussten teilweise gerichtlich entschieden werden, daher kam es zu erheblichen sozialen Spannungen. Die Bevölkerung war vielmehr mit der Sicherung des eigenen Lebensstandards beschäftigt als mit dem Aufbau eines neuen Tempels. 

Und es gab auch theologische Einwände gegen den Tempelbau damals: In der desolaten Lage sah man nicht das Zeichen Gottes zur Wiedererrichtung. Warum also Gott dienen, ihn anbeten, an ihn glauben?

Und wir heute?

Wir haben Gott auch nicht die erste Stelle eingeräumt. Ein jeder hat zuerst sein eigenes Haus besorgt: „Alles meins, mein Urlaub, mein persönliches Wohlergehen, mein schnelles Fortkommen, meine work-life-balance,….“ 

Unserer Arbeit fehlte die rechte Grundlage: der Glaube an Gott und das Vertrauen, dass sein Wort gilt. 

Wir uns nur auf den Verstand verlassen und nicht auf den Herrn.

Ja, wir sollen uns die Erde untertan machen, aber sie nicht vernichten und ausbeuten. Wenn wir Gottes gute Schöpfung ausbeuten und die Natur vernichten, brauchen wir nuns nicht wundern, wenn der Jet-stream langsamer wird und wir es mit übermäßiger Hitze oder Wassermassen zu tun haben. Gottes Wege führen mich eines Tages zu ihm nachHause, aber bis dahin, bin ich für meinen Nachbarn vor Ort und auch in den wirtschaftlich und medizinsch benachteiligten Ländern verantwortlich. 

Wenn wir wirtschaftlich, politisch, medizinisch,…. aufeinander zu knüpfen, wird Gerechtigkeit und Frieden herrschen. Nur wenn wir religiös aneinander anknüpfen kann Shalom entstehen. 

Im Verbund miteinander, wenn einer dem anderen hilft, werden wir satt und warm und keiner muss mehr leiden an Durst und Mangel. Vertrauen wir auf Gott und seine Gerechtigkeit. 

So knüpfen wir miteinander, Shalom, ein Friedensnetz.

Ihre Pfarrerin