Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN Jeremia 29,7

Foto: Lehmann

Liebe Gemeinde,

Suchet der Stadt Bestes meint nicht, was ist am schönsten in der Stadt, sondern fragt nach dem Besten FÜR die Stadt. Was ist das Beste für die Stadt?
Eine Frage, die ich mir in letzter Zeit häufiger stelle, wo ich manchmal den Eindruck bekomme, dass die Devise „Jeder ist sich selbst der Nächste“ gewinnen möchte.
Was ist das Beste für Rheindahlen – in Zeiten von Corona? Abstand, Hygiene, Alltagsmasken. Die Appelle, und auch die Verbote, sind richtig und wichtig, um die Alten und die sowieso schon Kranken nicht unnötig zu gefährden. Die immer selben Ratschläge nerven vielleicht, aber sie sind wichtig. Wo Panik, Egoismus und Unvernunft solche Appelle in den Wind schlagen, sind sie sogar doppelt nötig, auch wenn sie nerven. Wenn jeder nicht nur an sich, sondern auch an den Nächsten denkt, ist allen ein wenig geholfen.
Was bzw. wer ist das/der/die Beste – in Zeiten von Kommunalwahlen? Welche Partei setzt sich mit ihren Abgeordeneten am meisten für das Wohl der Stadt bzw. des Bezirks ein, und was ist dabei bitte schön das Beste? Da gehen die Meinungen ganz weit auseinander. Nur ein Beispiel: der eine befürwortet Grünflächen, der andere Erschließung von Wohn- und Arbeitsraum. Aber ist letztendlich nicht beides wichtig – damit es allen gut geht und nicht nur mir?!

Suchet der Stadt Bestes, und betet für sie! Woher kommt der Spruch eigentlich?

Im Jahr 597 vor Christus eroberte der große babylonische Herrscher Nebukadnezar Jerusalem. Die Stadt wird geplündert und zerstört. Welches Entsetzen wird geherrscht haben? Wie viel Gewalt, Vergewaltigung, menschliches Leid bedeutete das für die Bevölkerung.
Und Nebukadnezar macht noch mehr. Nach der Eroberung zwang er das gesamte Königshaus, die Oberschicht, Gelehrte, Handwerker und Fachleute, nach Babylon zu gehen. Der Plan ist klar: Sind sie weit weg, werden sich die Stadt Jerusalem und der Staat Juda so schnell nicht erholen, der Wiederaufbau wird schwer, so bald entsteht da keine neue bedrohliche Macht.
In Babylon sitzen sie nun fest, die Weggeführten, während der Prophet Jeremia mit einem kleinen Rest im zerstörten Jerusalem verbleibt. Die nach Babylon Verbannten sind trostlos, wie gelähmt, traumatisiert. Sie wissen nicht weiter und können ihr Entsetzen kaum bewältigen. Schreckliches haben sie erlebt. Eine Perspektive für ihr Leben sehen sie nicht. Getrieben sind sie von Entsetzen über das Erlebte und der Sehnsucht zurück nach Hause.
Da schreibt ihnen Jeremia: „… Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären … Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl … Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet. … denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden … und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.“

Ja, sie haben richtig gelesen. Jeremia empfiehlt den Deportierten: „Richtet Euch in der neuen, fremden Heimat ein, richtet euch ein in der neuen Situation, sie wird andauern, aber irgendwann auch einmal ein Ende haben. Versucht, das Beste aus dieser Situation zu machen, verzweifelt nicht, denn Gott ist und bleibt an Eurer Seite – auch in der Katastrophe.“
Das Beste FÜR die Stadt, für jeden Einzelnen und jede Einzelne, ist im Moment, beherzt und besonnen das tun, was nötig ist, und die Verantwortung füreinander ernst nehmen. Verzagt nicht! Macht halt das, was gerade möglich ist. Lasst euch nicht einflüstern, wie schlimm alles ist, sondern seid pragmatisch. Pragmatismus kann manchmal Trost sein!

Es gibt Wege in die Zukunft. Darum bete um Erkenntnis und um Ruhe.
Der Satz bei Jeremia geht übrigens weiter: „Suchet der Stadt Bestes, und betet für sie! Denn wenn es ihr gut geht, geht es auch euch gut – auch Dir und mir.“ Amen.

Ihre/Eure Pfarrerin