Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir. (Apg 17,27)

Liebe Gemeinde,

Seit 1,5 Jahren beherrscht nun ein Virus unsere Nachrichten, unser Verhalten im Alltag, unseren Umgang miteinander und auch unsere beruflichen Perspektiven. Die neuen Medien sind viel mehr noch in den Fokus gekommen. Und auch in der Gemeindearbeit haben wir einiges ändern müssen. Es waren regelrechte Umbrüche, die wir mitgemacht haben in allen Bereichen unseres Lebens. 

Zeiten großer Umbrüche sind immer verbunden mit Umbrüchen der Grundwerte und der grundlegenden Orientierung. Das ist keine neue Entwicklung. Es ist so alt wie die Geschichte der Menschheit ….. auch vor fast 2000 Jahren.

Paulus hat bei seinen Missionsreisen die Metropolen besucht. In der Apostelgeschichte kann man viele eindrückliche Berichte darüber lesen. In den Städten hat er Jesus verkündigt und Gemeinden gegründet. Auch in Athen ist er so vorgegangen. Zunächst macht Paulus eine Stadtbesichtigung. Dort entdeckt er ein vielfältiges religiöses Angebot.

Paulus wartet nicht, bis die Leute kommen. Er macht sich auf den Weg zu ihnen. Er wird von zwei unterschiedlichen philosophischen Schulen in Diskussionen verwickelt – von den Stoikern und den Epikureern. Die Stoiker predigen ein Leben der Selbstbeherrschung und der Pflichterfüllung. Die Epikureer waren die Freunde des Lebensgenusses. 

Irgendwie kommt mir das bekannt vor: Die einen mahnen mit stoischer Ruhe zur Vorsicht und ganz langsamen Schritten hin zur „Normalität“ und den anderen geht es nicht schnell genug. Das Leben muss man wieder genießen können in aller Geselligkeit, schließlich ist der Mensch ein soziales Wesen.

Ich merke, wie ich selbst sauer werde, dass die einen zu sehr bremsen und die anderen zu stark auf das Gaspedal treten anstatt einen vernünftigeren Mittelweg zu finden.

Auch Paulus wird damals in Athen, in der Hauptstadt des Verstandes, sauer über den Unverstand der Menschen, die sich einerseits streiten über die richtige philosophische Einstellung und andererseits viele Götzen anbeten. Mit der Anbetung vieler Götter versuchen die Athener, die Götter günstig zu stimmen und bei guter Laune zu halten, damit sie keine Katastrophen erleben müssen. Da sagt Paulus zu ihnen als er auf dem Markplatz steht:„Der Gott, der die Welt geschaffen hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind, er lässt sich auch nicht von Menschenhänden dienen, als ob er etwas nötig hätte; er ist es ja, der allen Leben und Atem und überhaupt alles gibt… … Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. In ihm nämlich leben, weben und sind wir.“ (Apg.17)

Den Gott, den Paulus verkündigt ist anders als alle anderen Götter, denn er ist lebendig und begleitend. Er ist an seinen Menschen interessiert. Dieser Gott wurde Mensch und hat gelitten und sich dann aus Liebe zu seinen Menschen kreuzigen lassen. Warum? Damit wir wieder ohne Schuld vor Gott dastehen. Er ist der Einzige, der helfen kann, er ist nicht ferne unter uns, denn er ist bei uns – bei jedem und das jeden Tag. Aber das wollen die Athener nicht hören, sie nennen Paulus nur einen „Schwätzer“. 

Doch wie soll man reden ohne selbst „Schwätzer“ genannt zu werden? Wie kann ich heute von Gott erzählen? Wie erzählte Paulus vom christlichen Glauben, von dem einen Gott? Dieser Jesus könnte zu einen Umbruch im Denken der Griechen führen.

Der Tuchmacher Paulus benutzte ein damals – nicht nur ihm dem Fachmann – vertrautes Bild, und zwar das des Webens: Ein etwas dünnerer Kettfaden wird auf einen Rahmen gespannt und mit dem dickeren Schußfaden wird der Stoff fadenweise gewebt, in dem er von links oder dann von rechts eingewebt wird. Werden dann noch bunte Fäden genommen entsteht mit der Zeit ein lebendiges Farbbild.

Paulus wollte damit sagen,dass wir uns – egal ob wir uns nach links oder nach rechts wenden, reden oder denken, wie die Philosophen damals und die Politker heute – immer in der Hand Gottes befinden. Er ist der Grund, warum wir hier auf Erden sind. Gott ist der feste Halt, um den wir unser Leben wickeln mit allen Höhen und Tiefen. Er gibt uns den Rahmen im Leben und im Glauben können wir uns an ihm „ketten“ bzw. festmachen.

Und wenn wir unser Leben genauer betrachten, dann entdecken wir sicherlich nicht nur die grauen, braunen und schwarzen Fäden der Trauer, Frustation und der Wut, sondern vielleicht auch die blauen Fäden der Dankbarkeit und die gelben Fäden der Freude. Im Muster des Lebens sieht man bestimmt auch die grünen Fäden der Hoffnung und natürlich auch den roten Faden der Liebe. Manchmal ist ein Faden zu Ende und dann muss neu angeknotet werden. Und so knüpfen und weben und leben wir weiter … in Gott.

Ihre Pfarrerin