Viele sagen: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ Aber, HERR, erhebe über uns das Licht deines Antlitzes! Psalm 4,7

Liebe Gemeinde,

ein Mensch sehnt sich nach etwas Gutem in diesem Abendgebet. Das kommt mir in diesen Monaten irgendwie vertraut vor. Wie sehr sehne ich mich danach zu hören, dass die Infektionszahlen sinken. Wie sehr sehne ich mich danach, die Menschen wieder mit ganzem Gesicht sehen zu können und – momentan kaum vorstellbar – sogar umarmen zu können. Wie sehr wünschen sich Menschen mehr Sicherheit im Alltag und bei der Arbeit. Wie sehr wünschen sich Menschen, überhaupt arbeiten zu können. Sie wünschen sich Nähe, Frieden, Ruhe, Gerechtigkeit, Freiheit … Ja, der Mensch sehnt sich nach dem Guten.

So auch der alte König David. Er ist der Schreiber und somit erster Beter von Psalm 4. Er spricht nicht nur für sich, sondern im Namen eines Kollektivs: „Wer lässt uns Gutes schauen? Entschwunden ist über uns das Licht deines Angesichts, Herr. Lass es wieder über uns leuchten. Herr, wende uns dein Angesicht freundlich zu und schenke wieder neue Hoffnung!“
Uns?! Wer sind diese Leute? Vielleicht diejenigen, die mit David zusammen gekämpft und gearbeitet haben? Oder ist es die Familie Davids? Oder sind es diejenigen, die David durch seine chaotischen Zeiten begleitet haben, z. B. im Zusammenhang des Aufstandes seines Sohnes Absalom.

Wie auch immer … David braucht ein offenes Ohr. Jemanden, bei dem er all das loswerden kann, was ihn am Tage beschäftigt hat. Er fühlt sich nicht gerecht behandelt, Ängste stehen im Raum. Um die eigene Anerkennung ist es nicht gut bestellt. Ärger ist nicht zu leugnen. Die Gefahr, neidisch auf andere Königreiche zu sein, ist vorhanden. Ebenso sehnt David sich nach einer guten Nacht und dem Segen Gottes – so wie andere um ihn herum auch.
Und es sind Themen, die auch mir vertraut sind. Manchmal beschäftigt mich etwas. Ich möchte es mit jemandem teilen, doch nebenbei ist derjenige mit seinem Smartphone beschäftigt, und ich merke, er hört mir gar nicht richtig zu.

Wenn ich die Nachrichtensendungen am Abend sehe, ist in mir ein Schrei: „Ihr macht alles kaputt – die Natur und die Menschlichkeit!“ Oder ich denke: „Das ist ungerecht, wenn Menschen in der Coronakrise Gelder abgreifen, die vom Staat zur Verfügung gestellt werden, die aber nicht für sie gedacht sind!” Kommt Ihnen das auch bekannt vor? Kennen Sie auch Ängste und Ärger?
Wenn ja, dann gehören Sie auch zu den Leuten, die der König David hier mit dem Wort uns meint: „Wer lässt uns Gutes schauen, wenn das Licht deines göttlichen Angesichts aus unserem Blick gekommen ist?“
Aber es ist nicht gut, mit diesen finsteren Gedanken und Gefühlen, wie Wut, Ängste und Ärger zu leben und zu schlafen, falls man es überhaupt kann.

Ich benötige Trost, so wie König David. Und David weiß: All diese Gedanken, die in uns den Schlaf in der Nacht rauben, die uns den Tag über belasten, können wir vor Gott bringen. Darum betet bzw. singt er diesen Psalm 4 als Abendgebet. Er weiß und vertraut darauf, Gott ist jederzeit ansprechbar. Gott hört mir zu, obwohl sich abends viele um ihn drängeln. Kein Problem für Gott. ER hört zu.

Und dann? Im Folgevers des Psalms heißt es: „Du hast mir Freude ins Herz gegeben, mehr als in der Zeit, da es Korn und Wein gibt in Fülle.“

Das klingt zuversichtlich und optimistisch. Und meine Seele spürt die Wahrheit und das Versprechen dahinter. Und die Zuversicht in mir wird groß, sodass ich denke: „Herr, lass dein Licht wieder über uns leuchten. Herr, wende uns dein Angesicht freundlich zu und schenke wieder neue Hoffnung!“ Darauf vertraue ich, dass alles gut wird für UNS!

Und so schließe ich diese Andacht mit den Worten des aaronitischen Segens: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht zu dir und gebe dir Frieden. (Numeri 6, 24-26)

Ihre Pfarrerin